Projektkostenfalle Restwertbetrachtung – Elbphilharmonie

Elbphilharmonie, Bildquelle: www.hamburg.de

Wie kann sich ein ursprünglich geplantes Budget von 70 Mio EUR auf unglaubliche 800 Mio EUR mehr als verzehnfacht aufschwingen?

 
Nichts leichter als das. Die Ursache liegt, unter Nichtbetrachtung der tatsächlich zu Grunde liegenden technischen, kaufmännischen, juristischen und Projektmanagement Ursachen, vor allem in zwei Fehlverhalten der Entscheider begründet.

 
Ursache 1: Kostensteigerung durch Restwertbetrachtung

Nehmen wir an, ein Projekt soll Eine Million Euro kosten.

Im Projektverlauf wird festgestellt, dass man 1,5 Mio EUR benötigen wird. Die Entscheider führen eine Restwertbetrachtung durch und kommen zu folgendem Ergebnis:
„Wenn wir das Projekt jetzt stoppen, kostet uns das 1 Mio EUR und wir haben nichts! Wenn wir aber noch weitere 0,5 Mio EUR investieren, kommt unsere gesamte Investition zum Tragen. Beschluss: Die zusätzlichen 0,5 Mio EUR werden investiert.“ Anderthalb Millionen

Es kommt, wie es kommen muss und das Projekt verteuert sich abermals, so dass man jetzt 2 Mio benötigen wird. Die Entscheider führen wieder eine Restwertbetrachtung durch:
„Das Projekt jetzt stoppen? Dann haben wir nichts! Wenn wir nur noch 0,5 Mio EUR mehr investieren, … Beschluss: Die zusätzlichen 0,5 Mio EUR werden investiert.“ Zwei Millionen

Und dann werden 3 Mio benötigt und es folgt wieder eine Restwertbetrachtung:
„Jetzt das Projekt stoppen? Bereits 2 Mio EUR investiert und wir haben nichts! … Beschluss: Die zusätzliche 1 Mio EUR wird investiert.“
Drei Millionen

Und so weiter und so fort… Vier Millionen …

Die einseitige Betrachtung der Methode Restwertbetrachtung führt in eine Endlosspirale, die nur zwei Exits kennt. „Irgendwann doch eine erlösende Fertigstellung zu einem niemals gewollten Preis“, ein Schicksal, das die Hamburger Elbphilharmonie teilt, oder schlicht „Die Insolvenz“.

 
Ursache 2: Gesichtsverlust
Selbst wenn die Erkenntnis vorliegt, dass man einem schlechten Projekt gutes Geld hinterherwirft, scheitert ein Ausstieg aus der Restwertbetrachtungsspirale aus allzu menschlichen Gründen, dem Gesichtsverlust. So kommt es immer wieder und beileibe nicht nur bei öffentlichen, im Fokus stehenden Großbauprojekten wie Hamburger Elbphilharmonie, Stuttgart 21 oder BER zu unglaublichen, nicht nachvollziehbaren Kostenexplosionen.

Dilemma
Aus dieser Zwickmühle zwischen Kostensteigerung und Gesichtsverlust gibt es scheinbar kein Entrinnen.
Tatsächlich gibt es aber sehr wohl Möglichkeiten. So erkennt man im Nachhinein mühelos Möglichkeiten, die es zu gegebener Zeit nicht einmal denkbar war auszusprechen, ohne gleich als Saboteur bezeichnet zu werden.

Undenkbar!
Ein kleines provokantes Beispiel zur Elbphilharmonie hätte sein können: Kündigung aller Verträge unter Hinnahme der Konventionalstrafen (zum damaligen Zeitpunkt mussten die vergleichsweise niedrig gewesen sein, da sich ja damals noch niemand vorstellen konnte wie teuer das Objekt einmal werden würde). Danach Rückbau aller Sonderlocken, um eine normale Bauweise überhaupt wieder ermöglichen zu können, neue Partner, Verträge, Vertragsinhalte etc.

Das liest sich furchtbar, hätte aber den Hamburger Bürgerinnen und Bürgern vermutlich mehrere hundert Millionen Euro ersparen können und sie hätten sich obendrein zwischenzeitlich vielleicht schon an Konzerten erfreuen können. Aber diese Möglichkeit hätte nach wie vor Gesichtsverlust bedeutet, zumindest bei uns in Deutschland. – Unsere amerikanischen Freunde tun sich da sehr erfolgreich leichter.

In der Zeit, in der wir am Misserfolg festhalten,
können wir nicht am Erfolg arbeiten.

Das höchst erfolgreiche amerikanische Unternehmen Google zum Beispiel hat überhaupt keine Probleme, sich von nicht erfolgreichen Projekten zu trennen wie der Google-Friedhof (*) zeigt. Die potenziell entstandenen Kosten zur Verfolgung dieser vielen, nicht erfolgreichen Projekte, hätte wohl auch das höchst solvente Unternehmen Google in arge finanzielle Schwierigkeiten gebracht.

Lösungsansatz
Das Maß des Gesichtsverlusts entwickelt sich zum einen über das Maß der Kostensteigerung, natürlich auch Zeit, Ziele, Qualität. Wir betrachten hier aber vorrangig die Kostenentwicklung. Und zum anderen über das Abschreibungsmaß, des bereits erstellten Objekts. Ein Lösungsansatz liegt also darin, möglichst frühzeitig ein sich fehlerhaft entwickelndes Projekt „abschreiben“ zu können, denn dann ist sowohl das Kostenmaß als auch das Abschreibungsmaß noch gering, siehe Google-Friedhof.
Für das Projektmanagement bedeutet dies, gerade in den frühen Projektphasen genügend Exits einzubauen in Form von:

  • Kontinuierlicher Soll-Ist-Abgleich
  • Anpassung der Planung
  • Zeitnahe Abrechnung von Leistungen
  • Aktuelles Risikomanagement
  • Offene Kommunikation
  • Fehlertolerante Kultur

 
Bereits im Jahr 2010 hatten wir in einem Vortrag zum Thema Versteckte Projektkosten die Hamburger Elbphilharmonie als Beispiel für die Projektkostenfalle „Restwertbetrachtung“ gewählt. In der Präsentation werden die Projektkostenfallen während der Projektdurchführung und die Restwertbetrachtung auf den Folienseiten 40 bis 51 behandelt.

 
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